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Würzlobbyisten

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

Die Lebensmittelindustrie behauptet ja immer, der Verbraucher könne sich anhand der Zutatenlisten auf Lebensmittelpackungen umfassend über die Zusammensetzung des jeweiligen Lebensmittels informieren. Das dem nicht so ist, hat meine Lieblingssendung Frontal21 am Dienstag in einem kurzen aber äußerst informativen Beitrag aufgezeigt. Wers verpasst hat, siehe hier.

Am schönsten fand ich übrigens die Aussage von Udo Pollmer, unsere Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sei in punkto Lebensmittelgesetzgebung lediglich die „Pressesprecherin der EU“. Auf den Punkt gebracht, Herr Pollmer!

Der Frontal21-Beitrag hat mich inspiriert, mir einmal in Sachen „würzende Zutaten“ Gedanken zu machen. Meine Fragestellung sollte die folgende sein: Welchen Lebensmittelzutaten mit dem Wortteil „würz“ kann ich eigentlich vertrauen, wenn mein Lebensmittel wirklich nur das enthalten soll, was ich unter Gewürzen verstehe, nämlich aromatisches pflanzliches Material?

Nachdem ich mir die „Leitsätze für Gewürze und andere würzende Zutaten“ (beim BMELV erhältlich) besorgt hatte, musste ich feststellen, dass die Antwort auf meine Fragestellung denkbar einfach war: Ich vertraue künftig nur noch den Bezeichnungen „Gewürz“ und „Gewürzmischung“.

Gewürze sind nämlich laut Leitsätzen Pflanzenteile, die wegen ihres Gehaltes an natürlichen Inhaltsstoffen als geschmack- und/oder geruchgebende Zutaten für Lebensmitteln bestimmt sind. Gewürzmischungen sind Mischungen aus Gewürzen.

Jedes andere „…würz…“, das in Zutatenlisten auftaucht (z.B. Würze, Würzmischung, Gewürzaromasalz…), enthält „geschmacksbeeinflussende Zutaten“, „technologisch notwendige Stoffe“, „Gewürzaromen“, „Geschmacksverstärker“, „verkehrsübliche Zuckerarten“ und/ oder „andere Trägerstoffe“ und/oder ist auf irgendeine Art mit lebensmitteltechnologischen Tricks aufbereitet .

Beispiel gefällig?
„Würzen sind flüssige, pastenförmige oder trockene Erzeugnisse, die den Geschmack und/oder Geruch von Suppen, Fleischbrühen und anderen Lebensmitteln beeinflussen. Sie werden durch Hydrolyse von eiweißreichen Stoffen hergestellt.“ (zitiert aus den Leitsätzen für Gewürze und andere würzende Zutaten I. A. Nr. 8 )

Wer es noch genauer wissen möchte, der kann ja mal hier nachlesen. Auch daraus ein Zitat: „Zur Herstellung von Würze wird das Eiweiß entweder mit Salzsäure verkocht und anschließend mit Natriumcarbonat oder Natronlauge neutralisiert, wobei auch Kochsalz entsteht, oder bei einer neueren Methode mit Enzymen aus Schimmelpilzen und Schweine-Innereien aufgelöst. Die Lösung wird filtriert und zur Geschmacksverbesserung gelagert.“

Wer macht eigentlich die oben erwähnten „Leitsätze“?
Die kommen von der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission.

Hier die Mitgliederliste.

Da laut § 12 der Geschäftsordnung der Lebensmittelbuch-Kommission ein Leitsatz grundsätzlich einstimmig beschlossen werden soll, können die Lobbyisten von Fleischer Verband, Bauernverband, Unilever und BLL die Entscheidungen der Kommission maßgeblich beeinflussen. Und das geschieht sicherlich nicht so oft im Sinne des Verbrauchers.

Bildquelle: aboutpixel.de / © Hans-Jörg Nisch

BLL-Broschüre “Mit Sicherheit lecker” bietet einseitige Informationen statt Aufklärung für Jugendliche

Freitag, April 4th, 2008

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) möchte in seinem Booklet “Mit Sicherheit lecker” “mit sachlichen Informationen zum Abbau von Ängsten im Bereich der Lebensmittel-Verarbeitung” beitragen. Im Comic-Stil sollen Jugendliche von 14 bis 18 Jahren angesprochen werden.
Von sachlichen Informationen kann jedoch nicht die Rede sein. Stattdessen wird versucht, mit einseitig formulierten Halbwahrheiten von den Vorzügen der Industrienahrung zu überzeugen. Wenn wunderts, schließlich agiert der BLL als Lobbyverband der Lebensmittelindustrie.

Hier ein paar zweifelhafte Highlights aus der Broschüre:

Zum Thema “Sicher produziert”
“Trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen kann es, wenn auch selten, zu einer Krise kommen. In einem solchen Fall reagieren die Behörden umgehend. Die EU in Brüssel, nationale Behörden und die Unternehmen arbeiten eng zusammen, um wirkungsvolle Maßnahmen zum Verbraucherschutz zu beschließen und diese schnellstmöglich umzusetzen.”
Dass beim BLL nicht der Verbraucherschutz, sondern das Wohl der Lebensmittelindustrie im Vordergrund steht, belegen die Ereignisse zum Thema Cumarin in Zimt, welche von Foodwatch hier mit einer Chronologie und Original-Schriftverkehr dokumentiert wurden. Dort kann man auch nachlesen, wie auf Druck des BLL Untersuchungsergbnisse systematisch zurückgehalten wurden. Umgehende Reaktion? Fehlanzeige!

Zum Thema “Das Geheimnis um die E-Nummern”
“Für den erfrischend-säuerlichen Geschmack (…) ist Zitronensäure, auch unter dem Pseudonym E 330 bekannt, verantwortlich. Es handelt sich um den gleichen Stoff, der auch in Zitronen und Orangen vorhanden ist.”
Dass Zitronensäure nicht aus Zitronen sondern mit Hilfe eines gentechnisch veränderten Schimmelpilzes hergestellt wird, wird verschwiegen. Auch dass Zitronensäure, die heutzutage in diversen Kinderlebensmitteln in zum Teil hohen Konzentrationen vorhanden ist, den Zahnschmelz angreift, scheint nicht erwähnenswert.

Zum Thema “Zusatzstoffe machen das Leben leichter”
“…denn sie verbessern die Teigeigenschaften. Zum Beispiel sorgen Emulgatoren dafür, dass (…) Brot länger frisch bleibt. Durch den Zusatz von Ascorbinsäure (Vitamin C) ist das Mehl schon nach zwei Tagen optimal für die Backstube geeignet.”
Traditionelle Sauerteigführung in der Backstube? Für den BLL kein Thema, über das es Wert wäre zu berichten.

Zum Thema “Ist Öko denn sicherer?”
“Das fragt sich so mancher Verbraucher. Wissenschaftler haben festgestellt, dass Ökolebensmittel nicht mehr Vitamine oder Mineralstoffe als andere Produkte enthalten und auch nicht `sicherer´ sind als herkömmliche Lebensmittel. Die Produktsicherheit von herkömmlich und ökologisch erzeugten Lebensmitteln ist also absolut vergleichbar.”
Wie bitte? Was ist zum Beispiel mit der Pestizidbelastung von konventionell erzeugtem Obst und Gemüse? Regelmäßige Untersuchungen unabhängiger Labors im Auftrag von Greenpeace belegen, dass Bio besser ist. Nicht nur das, es wurde auch schon mehrfach nachgewiesen, dass verschiedene konventionell erzeugte Produkte die so genannte akute Referenzdosis für bestimmte Pestizide überschreiten und somit die Gesundheit von Kindern akut gefährden können.

Sachliche Information sieht anders aus. Ich warne daher davor, diese (kostenlose) Broschüre bzw. sämtliche vom BLL generierten Verbraucherinformationen unreflektiert für den Schulunterricht zu nutzen.